Graffiti in der Kunst

Graffiti in der Kunst

Von der Geschichte bis zum ersten eigenen Schriftzug

Graffiti ist eine der wenigen Kunstformen, die fast jeder täglich sieht und über die trotzdem kaum jemand Bescheid weiß. Zwischen dem schnell hingeworfenen Kürzel am Bahndamm und einem durchkomponierten Wildstyle liegen Welten – handwerklich wie gestalterisch.

In diesem Artikel schauen wir uns an, woher Graffiti kommt, welche Stile es gibt und wie Du Deinen ersten eigenen Schriftzug zeichnest. Und zwar auf Papier, denn dort fängt ohnehin alles an.

Was ist Graffiti?

Graffiti ist im Kern Schriftkunst. Im Mittelpunkt steht ein Name oder Kürzel, und die eigentliche gestalterische Leistung besteht darin, diesen Namen so zu formen, zu verschachteln und zu verzieren, dass daraus ein eigenständiges Bild wird.

Das unterscheidet Graffiti von Street Art, bei der bildhafte Motive im Vordergrund stehen. Verkürzt gesagt: Graffiti dreht sich um wer, Street Art um was. In der Praxis überschneiden sich beide Szenen, aber die Wurzeln sind verschieden.

Der Begriff selbst stammt vom italienischen graffiare, also kratzen. Gemeint waren ursprünglich eingeritzte Inschriften – die ältesten erhaltenen Beispiele finden sich in Pompeji, wo Menschen vor rund zweitausend Jahren Beleidigungen, Liebeserklärungen und Werbung in Hauswände ritzten. Das Bedürfnis, den eigenen Namen an eine Wand zu schreiben, ist offensichtlich sehr alt.

Die Geschichte des modernen Graffiti

Das Graffiti, das wir heute meinen, entstand Ende der 1960er-Jahre in den USA. In Philadelphia machten Writer wie Cornbread mit ihren Namenszügen auf sich aufmerksam, kurz darauf verlagerte sich das Zentrum nach New York.

Dort wurde 1971 ein Bote namens Demetrius bekannt, der als TAKI 183 seinen Namen in der ganzen Stadt hinterließ. Ein Artikel in der New York Times über ihn löste eine regelrechte Welle aus: Plötzlich wollten Hunderte Jugendliche ihren Namen überall sehen.

In den folgenden Jahren wurden die U-Bahn-Züge New Yorks zur wichtigsten Leinwand. Weil die Züge durch die ganze Stadt fuhren, verbreitete sich ein Name schneller als über jede Wand. Aus einfachen Tags entwickelten sich immer größere, farbigere und komplexere Formen, bis ganze Waggons bemalt waren.

In den 1980er-Jahren kam Graffiti über Filme, Musik und Magazine nach Europa. Parallel dazu begannen die Verkehrsbetriebe, massiv gegen die Bemalungen vorzugehen – ein Konflikt, der bis heute anhält.

Die wichtigsten Graffiti-Stile

Tag

Der Tag ist die einfachste und schnellste Form: die Signatur, meist einfarbig mit Marker oder Dose geschrieben. Er ist die Grundlage von allem. Ein guter Tag lebt vom Schwung, vom Rhythmus der Buchstaben und von einer sicheren Linienführung – genau das, was man auch beim Skizzieren trainiert.

Throw-Up

Ein Throw-Up besteht aus zwei bis drei Buchstaben in dicken, meist runden Outlines, oft nur mit einer Füllfarbe. Er ist ein Kompromiss aus Geschwindigkeit und Sichtbarkeit.

Piece

Die Kurzform von Masterpiece. Ein Piece ist ein vollständig ausgearbeiteter Schriftzug mit Outline, Füllung, Verläufen, Highlights, Schatten und oft einem Hintergrund. Hier kommen alle gestalterischen Mittel zum Einsatz, die auch in anderen Bereichen der Kunst gelten: Komposition, Farbkontraste und Licht und Schatten.

Blockbuster

Große, blockige Buchstaben, meist in zwei Farben, angelegt auf maximale Lesbarkeit aus großer Entfernung.

Wildstyle

Die komplexeste Form: Die Buchstaben werden verschachtelt, verdreht, mit Pfeilen und Verbindungen versehen, bis der Schriftzug für Außenstehende praktisch unlesbar wird. Wildstyle zu lesen ist eine eigene Fähigkeit – und genau das ist der Punkt.

3D-Style

Hier verlassen die Buchstaben die Fläche vollständig und werden als räumliche Körper konstruiert. Ohne ein solides Verständnis von Perspektive funktioniert dieser Stil nicht.

Graffiti zeichnen: Schritt für Schritt

Jedes gute Piece entsteht zuerst auf Papier. Profis füllen ganze Blackbooks mit Entwürfen, bevor sie eine einzige Dose anfassen. So gehst Du vor:

1. Wähle ein kurzes Wort

Vier bis fünf Buchstaben sind ideal. Weniger wirkt schnell leer, mehr wird unübersichtlich. Achte auf die Mischung: Buchstaben mit runden Formen (O, S, C) und solche mit geraden Kanten (E, T, K) ergeben zusammen ein interessanteres Bild als eine reine Gruppe von einem Typ.

2. Schreibe das Wort erst ganz normal

Klingt banal, ist aber der wichtigste Schritt. Schreibe Dein Wort in einfachen Blockbuchstaben mit viel Abstand. Diese Grundform bestimmt den Rhythmus des ganzen Schriftzugs – und Fehler in der Grundform bekommst Du später nicht mehr weg.

3. Gib den Buchstaben Volumen

Jetzt verdickst Du die Linien. Denk dabei nicht in Strichen, sondern in Körpern: Jeder Buchstabe ist eine Form mit Breite. Achte darauf, dass die Dicke über alle Buchstaben hinweg einigermaßen gleich bleibt, sonst wirkt das Wort unruhig.

4. Verzerre und verbinde

Ab hier wird es interessant. Kippe einzelne Buchstaben, ziehe sie in die Länge, lass sie sich gegenseitig überlappen. Verbinde benachbarte Buchstaben durch gemeinsame Kanten oder kleine Brücken. Wichtig ist, dass der Schriftzug als Ganzes eine Richtung bekommt – meist eine leichte Diagonale.

5. Setze Serifen und Pfeile

Die kleinen Fortsätze, Spitzen und Pfeile an den Buchstabenenden sind das, was einen Schriftzug lebendig macht. Setze sie sparsam und immer so, dass sie die Leserichtung unterstützen.

6. Ziehe die Outline

Umfahre den kompletten Schriftzug mit einer sauberen, gleichmäßig dicken Linie. Nimm Dir dafür Zeit – die Outline entscheidet über den Gesamteindruck mehr als jedes Detail im Inneren.

7. Fülle und schattiere

Zum Schluss kommen Füllung, Verlauf, Schlagschatten und Highlights. Ein Schlagschatten funktioniert am besten, wenn Du Dich für eine Lichtrichtung entscheidest und sie konsequent durchhältst. Highlights setzt Du sparsam an den Kanten, die dem Licht zugewandt sind.

Material für den Einstieg

Du brauchst zu Beginn erstaunlich wenig:

  • Papier und Bleistift für die Entwürfe. Ein Skizzenbuch reicht völlig.
  • Ein Radiergummi, denn bei den ersten Schritten wird viel korrigiert.
  • Marker in zwei bis drei Stärken für Outline und Füllung. Alkoholmarker eignen sich gut, weil sie sich sauber überlagern lassen.
  • Optional Sprühdosen und Caps, sobald Du an eine legale Wand gehst. Verschiedene Caps erzeugen unterschiedlich breite Striche – ein Fat Cap für Flächen, ein Skinny Cap für Outlines.

Was ist erlaubt und was nicht?

Ganz klar: Fremde Wände, Züge oder Schilder ohne Erlaubnis zu besprühen ist in Deutschland Sachbeschädigung nach § 303 StGB. Das gilt unabhängig davon, wie gelungen das Ergebnis ist.

Legale Möglichkeiten gibt es aber reichlich:

  • Hall of Fame und legale Wände. In vielen Städten gibt es freigegebene Flächen. Such einfach nach “legale Wand” und Deinem Ort.
  • Eigene Flächen wie Garagentore, Gartenmauern oder alte Holzplatten.
  • Aufträge von Cafés, Vereinen, Jugendzentren oder Hausverwaltungen.
  • Papier, Leinwand und Blackbook – wo ohnehin die meiste Entwicklung stattfindet.

Und dann?

Graffiti belohnt Wiederholung wie kaum eine andere Disziplin. Dieselben vier Buchstaben fünfzig Mal zu zeichnen klingt langweilig, ist aber genau der Weg, auf dem ein eigener Stil entsteht – ganz ähnlich wie bei den Zeichenübungen, die Dich in jeder anderen Disziplin weiterbringen.

Wenn Du danach Lust auf bildhafte Motive im öffentlichen Raum bekommst, findest Du im Artikel über Street Art den passenden nächsten Schritt.