Street Art

Street Art

Geschichte, Techniken und bekannte Künstler

Street Art ist die wohl zugänglichste Kunstform überhaupt: Man braucht kein Ticket, keine Öffnungszeiten und keine Vorkenntnisse, um sie zu sehen. Sie kommt einem einfach entgegen – an einer Hauswand, auf einem Stromkasten, an einer Unterführung. Genau das macht sie so spannend und gleichzeitig so schwer zu greifen.

In diesem Artikel schauen wir uns an, was Street Art eigentlich ist, wie sie entstanden ist, mit welchen Techniken gearbeitet wird und was Du beachten solltest, wenn Du selbst anfangen möchtest.

Was ist Street Art?

Streetart in Curacao

Street Art ist ein Sammelbegriff für Kunst, die im öffentlichen Raum entsteht und sich bewusst an alle richtet, die vorbeikommen. Anders als ein Bild im Museum sucht sie sich ihr Publikum nicht aus.

Charakteristisch sind drei Dinge:

  • Der Ort ist Teil des Werks. Eine Figur, die an einer bröckelnden Wand klebt, wirkt anders als dieselbe Figur auf Papier. Viele Street-Art-Künstler beziehen Risse, Rohre, Schatten oder Schilder bewusst in ihr Motiv ein.
  • Sie ist vergänglich. Regen, Sonne, Übermalungen und Abrissbagger gehören dazu. Viele Werke existieren heute nur noch als Foto.
  • Sie hat meistens etwas zu sagen. Gesellschaftskritik, Politik, Humor oder schlicht ein Kommentar zum Ort selbst.

Street Art und Graffiti – wo ist der Unterschied?

Die beiden Begriffe werden oft synonym benutzt, meinen aber nicht ganz dasselbe.

Graffiti dreht sich traditionell um Schrift. Im Mittelpunkt steht der Name – der sogenannte Tag – und die Frage, wie kunstvoll, lesbar oder verschachtelt man ihn gestalten kann. Die Szene hat eigene Regeln, eine eigene Geschichte und einen eigenen Ehrenkodex.

Street Art ist breiter. Hier geht es um Bilder, Figuren, Schablonen, Installationen und Collagen – der Name der Künstlerin oder des Künstlers steht oft im Hintergrund. Vereinfacht gesagt: Graffiti fragt wer, Street Art fragt was.

In der Praxis überlappen sich beide Welten natürlich, und viele Künstler bewegen sich in beiden.

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Menschen haben Wände beschriftet, seit es Wände gibt – man denke an die Höhlenmalerei oder an die Kritzeleien, die in Pompeji erhalten geblieben sind. Als Bewegung entstand Street Art aber erst im 20. Jahrhundert.

In den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelte sich in Philadelphia und New York die Graffiti-Szene, deren Tags bald ganze U-Bahn-Züge bedeckten. Parallel dazu begannen Künstler in Europa, mit Schablonen zu arbeiten: Blek le Rat sprühte ab 1981 seine berühmten Ratten in Paris und gilt vielen als Vater der Stencil-Technik.

In den 1980er-Jahren wechselten Künstler wie Jean-Michel Basquiat und Keith Haring von der Straße in die Galerien – ein Schritt, der bis heute kontrovers diskutiert wird. Spätestens mit Banksy in den 2000er-Jahren wurde Street Art dann endgültig ein globales Phänomen, inklusive Auktionen, Museen und der Ironie, dass Kunst, die niemandem gehören sollte, plötzlich Millionen wert ist.

Techniken der Street Art

Schablone (Stencil)

Street Art von Banksy

Werk von Banksy in Sanok, Polen – Silar, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Bei der Schablonentechnik schneidet man ein Motiv aus Pappe oder Folie aus und sprüht Farbe hindurch. Der große Vorteil: Das Motiv lässt sich in Sekunden anbringen und beliebig oft wiederholen.

Für die Vorbereitung brauchst Du ein Motiv mit klaren Hell-Dunkel-Flächen. Wenn Du Dich damit noch schwertust, hilft Dir der Artikel über Licht und Schatten weiter: Eine gute Schablone ist im Grunde nichts anderes als ein konsequent auf zwei Töne reduziertes Bild.

Mural

Streetart in Reykjavik

Murals sind großformatige Wandbilder, die meist beauftragt und legal entstehen. Hier arbeitet man mit Pinsel, Rolle oder Sprühdose und oft über mehrere Tage hinweg.

Die größte Herausforderung ist der Maßstab: Was auf der Skizze stimmig aussieht, kann an einer zehn Meter hohen Wand völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Deshalb lohnt es sich, vorher eine saubere Kompositionsskizze anzulegen und die Wand in ein Raster einzuteilen.

Paste-Up

Beim Paste-Up wird ein auf Papier gedrucktes oder gemaltes Motiv mit Kleister an die Wand geklebt. Das geht schnell, ist reversibel und erlaubt sehr feine Ausarbeitung, weil Du in Ruhe zu Hause arbeiten kannst.

Sticker

Sticker sind der niedrigschwelligste Einstieg überhaupt: kleines Format, schnell angebracht, leicht zu verteilen. Viele Künstler nutzen sie, um ein Motiv oder eine Figur bekannt zu machen.

Installation und Yarn Bombing

Streetart in Curacao

Nicht alles ist Farbe. Manche Künstler arbeiten mit Objekten, gestrickter Wolle, Mosaiksteinen oder Moos. Der französische Künstler Invader zum Beispiel setzt seit den 1990er-Jahren Mosaike im Stil von Pixelgrafiken in Städte auf der ganzen Welt.

Bekannte Street-Art-Künstler

  • Banksy – der wohl bekannteste und immer noch anonyme Vertreter. Arbeitet fast ausschließlich mit Schablonen und politischer Ironie.
  • Jean-Michel Basquiat – begann in New York unter dem Kürzel SAMO und wurde zu einem der wichtigsten Maler des 20. Jahrhunderts.
  • Keith Haring – bekannt für seine reduzierten, tanzenden Figuren, die er zunächst in U-Bahn-Stationen zeichnete.
  • Blek le Rat – der Pionier der Schablonentechnik in Europa.
  • Shepard Fairey – von Skateboard-Stickern zum Hope-Plakat.
  • JR – klebt überlebensgroße Schwarz-Weiß-Portraits an Fassaden und Mauern weltweit.

Wenn Dich diese Namen neugierig machen, findest Du im Artikel über berühmte Künstler und in der Übersicht der Kunststile weitere Einordnung.

Das ist die Frage, die am häufigsten gestellt und am seltensten ehrlich beantwortet wird. Die kurze Antwort: In Deutschland ist das Besprühen fremder Wände ohne Erlaubnis Sachbeschädigung nach § 303 StGB – unabhängig davon, wie gut das Ergebnis aussieht oder ob die Wand vorher hässlich war.

Das heißt aber nicht, dass Du keine Street Art machen darfst. Es gibt reichlich legale Wege:

  • Legale Wände und Hall of Fame. Viele Städte stellen Flächen zur Verfügung, die frei besprüht werden dürfen. Eine kurze Suche nach “legale Wand” plus Deinem Ort führt meist schnell zum Ziel.
  • Eigene Flächen. Garagentor, Gartenmauer, Kellerwand, eine alte Holzplatte im Hof.
  • Auftragsarbeiten. Cafés, Vereine, Schulen und Hausverwaltungen vergeben Murals häufiger, als man denkt.
  • Leinwand und Papier. Die Techniken funktionieren auch im Kleinen, und für das Üben von Schablonen ist das ohnehin der sinnvollste Weg.

Frag im Zweifel einfach die Eigentümerin oder den Eigentümer. Ein freundlich formulierter Vorschlag mit Skizze wird überraschend oft angenommen.

Wie Du selbst anfangen kannst

Du musst nicht mit einer Hauswand beginnen. Im Gegenteil – fast alles, was Street Art ausmacht, lässt sich zuerst auf Papier üben:

  1. Entwickle ein Motiv, das wiedererkennbar ist. Eine Figur, ein Tier, ein Symbol. Reduziere es so weit, dass es auch aus zwanzig Metern Entfernung noch funktioniert.
  2. Übe die Reduktion auf zwei Töne. Nimm ein Foto und zeichne es nur mit Schwarz und Weiß nach, ohne Graustufen. Das ist die Grundlage jeder Schablone.
  3. Arbeite mit dem Untergrund. Skizziere Dein Motiv in ein Foto einer echten Wand hinein, statt auf weißem Grund zu planen.
  4. Denk an den Maßstab. Halte Deine Skizze auf Armlänge, kneif die Augen zusammen – erkennt man das Motiv noch?
  5. Dokumentiere alles. Street Art verschwindet. Das Foto ist oft das, was bleibt.

Wenn Du Lust bekommen hast, selbst in der Stadt zu zeichnen statt zu sprühen, ist Urban Sketching übrigens die entspanntere Schwester der Street Art – gleiche Motive, anderes Werkzeug, und ganz sicher legal.